Warum das Dritte Reich in Altenmarkt im Pongau endete

Zur Erinnerung an den 8. Mai 1945
von Hermann Strasser, emeritierter Soziologie-Professor der Universität Duisburg-Essen und gebürtiger Altenmarkter.
Aus seiner Autobiografie “Die Erschaffung meiner Welt: Von der Sitzküche auf den Lehrstuhl” (2. Aufl. CreateSpace/Amazon, 2015)


 

Der totale Zusammenbruch war für Deutsche und Österreicher ebenso wie für die Japaner eine Chance, aus der Dunkelheit der Vorkriegszeit und der Kriegswirren in das Sonnenlicht der Nachkriegszeit zu treten. Neues Weltvertrauen musste geschaffen werden, um den Willen zum Wiederaufbau zum Erfolg zu führen. Das Vertrauen war immer brüchig und ließ auch nach 1989 eine neue Friedensordnung nicht entstehen. Pufferstaaten wurden immer wichtiger und das Misstrauen seit Mitte der neunziger Jahre immer stärker. Heute ist man sich auch darüber einig, dass das faktische Ende des Dritten Reiches die Ardennen-Schlacht Ende 1944 besiegelte.

Allerdings gibt es gute Gründe dafür, dass das offizielle Ende nicht Generaloberst Alfred Jodl, der die bedingungslose Kapitulation am 7. Mai 1945 in Reims unterzeichnete, zuzuschreiben ist, sondern einem Ereignis in meinem Heimatort Altenmarkt im Pongau im Land Salzburg. Zu dieser These vom Ende des Dritten Reiches folgt nun ein Auszug (Unterkap. „Hermann oder was?“ S. 38-43) aus meiner Autobiografie „Die Erschaffung meiner Welt: Von der Sitzküche auf den Lehrstuhl“, in dem es um Hermann Göring und die letzten Tage des Dritten Reiches geht.

 

Wie damals üblich, stand wenige Tage nach der Geburt am 5. Dezember um 15 Uhr auch bei winterlichen Bedingungen die Taufe in der Pfarrkirche durch den Kooperator Andreas Kreuzeder an. Ich wurde zwar als Österreicher geboren, aber die Staatsbürgerschaft war deutsch, reichsdeutsch, denn Österreich war Teil des Deutschen Reiches geworden, das fortan Großdeutschland heißen sollte, wie es in Artikel I des Anschlussdokuments hieß, das am 13. März 1938 zwischen Hitler und dem neuen Machthaber in Wien, Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart, unterzeichnet wurde. Vielleicht haben sich meine Eltern deshalb von der Mär von Hermann oder Arminius, dem Cherusker- Fürsten, beeindrucken lassen, weil er den Römern, die sich auf Eroberungs- und Raubzügen über die Alpen, auch an Altenmarkt vorbei ziehend, bis an die Nord- und Ostsee austobten, die Grenzen aufzeigte und sie sogar militärisch besiegte. Die in deutschen Geschichtsbüchern und von den nationalsozialistischen Bonzen verbreitete Mär, dass die Germanen die Gründer des persischen, griechischen und römischen Weltreichs gewesen seien, glaubten allerdings nur wenige Hartgesottene.

Dieser Vorstellung lag nicht zuletzt die These der Sprachwissenschaftler zugrunde, dass die indogermanische Sprache die am meisten verbreitete Sprachfamilie der Welt sei und heute rund drei Milliarden Muttersprachler umfasse. Allerdings ist die These nicht in allen Einzelheiten bewiesen. Ob Hermann Göring bei der Namensfindung eine Rolle spielte, wage ich zu bezweifeln, obwohl er mehrmals in Altenmarkt vorbeikam – auf dem Weg über die Radstädter Tauern nach oder von Mauterndorf, wo er von 1939 bis 1945 stolzer Besitzer der dortigen Burg war und seine Schwestern Olga und Paula mit österreichischen Rechtsanwälten verheiratet waren. „Die Burg seiner Jugend“, wie er sie nannte, wurde ihm von der 1939 verstorbenen Witwe seines Patenonkels und „Ziehvaters“, Dr. Hermann Epenstein, geschenkt. Hermann Epenstein, der sehr vermögend und königlich preußischer Stabsarzt in Berlin war, machte nach 1894 das schon zur Ruine erklärte Schloss Mauterndorf wieder zum Wahrzeichen des Ortes und trat als großer Gönner Mauterndorfs in Erscheinung, wie im Mauterndorfer Heimatbuch von Matthias Maierbrugger ausführlich beschrieben. Hermann Epenstein, Ritter von Mauternburg, wurde 1898 auch mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet und 1908 von Kaiser Franz Joseph in den Ritterstand erhoben. Die Epensteins waren jüdischer Herkunft, aber deutsch-national eingestellt und mit den Eltern Görings befreundet. Bei ihnen fand Göring 1923 nach dem misslungenen Hitler- Putsch Zuflucht.

Görings Mutter Franziska, die allerdings schon im August 1923 starb, hatte ein Verhältnis mit Hermann Epenstein, das so weit ging, wie Arno Gruen schildert, dass der Vater Ernst Heinrich Göring bei Besuchen woanders untergebracht wurde, während sie bei Hermann Epenstein wohnte. Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete Epenstein die junge Witwe Elisabeth Spitz. Die Ehe blieb kinderlos. Ich frage mich, welchen Einfluss dieses Verhältnis auf den jungen Hermann Göring hatte. Immerhin wurde er 1938 Hitlers „Beauftragter zur Regelung der Judenfrage“, war für die Einrichtung der ersten Konzentrationslager verantwortlich und beauftragte 1941 Reinhard Heydrich, den Chef der Sicherheitspolizei, mit der Organisation der so genannten „Endlösung der Judenfrage“. Allerdings schützte er die Epensteins, so wie sein Bruder Albert, der viele Juden, darunter auch Hans Moser und Franz Lehar, vor dem KZ rettete.

Wie mir Marianne Mauser, die Schwester meiner späteren Zimmerwirtin in Innsbruck, im Jahre 1967 erzählte, gingen die Epensteins mit den Görings im Gasthaus ihrer Eltern in Mauterndorf ein und aus. Das tat offenbar auch Hermann Göring, nicht zuletzt weil Marianne so hübsch war, vor allem in seinem langen Fronturlaub im Sommer 1916, den er in Mauterndorf verbrachte, um sich von einer Kriegsverletzung zu erholen. Der Kontrast zu Adolf Hitler könnte nicht größer sein, denn dieser nutzte seinen Genesungsurlaub in Berlin, um sich dort die Museen anzuschauen. Hermann und Marianne verliebten sich, es war auch von Verlobung die Rede, wie sowohl Marianne mir bestätigte, als auch von Samuel W. Mitcham in seiner Studie der Männer der deutschen Luftwaffe angedeutet wurde. Aber geheiratet wurde nicht, weil Vater Mauser in Göring nur einen Jagdflieger und sonst nichts sah. Göring, als Luftwaffenoffizier immerhin vom Kaiser mit dem Orden „Pour le Mérite“ ausgezeichnet, flog dann nach Schweden, wo er sich in seine Carin und spätere Frau verliebte, die für ihn Mann und zwei Kinder verließ, allerdings schon 1931 an Herzschwäche starb.

Marianne sah ihren Hermann auch dann noch das eine oder andere Mal, sei es offiziell in Berlin oder inoffiziell im Hotel Wisenegg in Obertauern, auch wenn Göring seine Briefe an Carin mit „Dein dankbarer und treuer Hermann“ unterzeichnete, wie in Carins überschwänglicher Biografie von Fanny Gräfi n von Wilamowitz-Moellendorff, ihrer Schwester, nachzulesen ist. Das soll ja vorkommen, auch Hitler hatte seine Freundinnen neben Eva Braun, so wie Goebbels und Göring auch. Görings Pflichtverteidiger bei den Nürnberger Prozessen, Dr. Otto Stahmer, soll in den sechziger Jahren über seinen Mandanten gesagt haben, dass er im Grunde ein anständiger Kerl gewesen sei. Ja, wenn die Juristen nicht wären! Sei’s drum, „Hermann heeßta“ trotzdem, auch wenn die Taufpatin nicht die Volkssängerin Claire Waldoff war, weder des einen noch des anderen Hermann.

Schließlich wurde Altenmarkt zu Görings Endstation, wie sein Neffe, aber auch Paula Hueber, seine Schwester, später berichteten, denn der Reichsmarschall residierte seit April 1945 auf Wunsch Hitlers, der sich inzwischen in die Betonhöhle des Führerbunkers sieben Meter unter der Erde zurückgezogen hatte, am Obersalzberg bei Berchtesgaden, am zweiten Regierungssitz der Nazis. Dort hatte Göring neben Martin Bormann und Albert Speer auch ein Haus gebaut. Göring, der schon 1939 aus Anlass des Krieges gegen die Sowjetunion von Hitler offiziell zu seinem Nachfolger bestimmt worden war, sollte die Regierungsgeschäfte übernehmen, falls der Führer sie in Berlin nicht mehr ausführen konnte. In der Ortschronik Altenmarkt i. Pg. Von 1996 führen dazu Franz Walchhofer und Gottfried Steinbacher aus: „Ende April kam General Koller nach Obersalzberg und informierte Göring darüber, daß Hitler in Berlin eingeschlossen sei und er die Regierung übernehmen solle.“

In diesen Tagen soll Hitler Tage und Nächte vor seinem Linz-Modell verbracht haben, denn Linz sollte die schönste Stadt der Welt werden und vor allem Wien und Budapest in den Schatten stellen. Allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass er in diesen Bunker-Tagen preußischen Generälen zugerufen haben soll: „Ich bin Österreichs Rache für Königgrätz.“ Da trifft schon eher zu, dass die Preußen zwar das Zündnadelgewehr erfunden hatten und die Österreicher in Königgrätz besiegten, während die Österreicher den Fremdenverkehr erfanden – mit den entsprechenden Konsequenzen für die Deutschen, wie auch Othmar Franz Lang in der preußisch-österreichischen Liebesgeschichte Rache für Königgrätz betont. Das erinnert allerdings wiederum an einen Ausspruch von Kaiser Ferdinand I., genannt der Gütige, der von Franz Joseph 1848 wegen seiner angeblichen Unfähigkeit abgelöst wurde und deshalb auch den Spitznamen „Gütinand der Fertige“ erhielt. Er soll nämlich nach der Niederlage seines Nachfolgers bei Königgrätz gesagt haben: „Des hätt’ ma aa z’sammbracht!“

In der Ortschronik Altenmarkt i. Pg. heißt es dann weiter: „Sicherheitshalber fragte Göring über Funk in der Reichskanzlei an, ob dies zutreffe, mit der Bitte um baldige weitere Weisungen. Dieser Funkspruch wurde von Martin Bormann als Ultimatum interpretiert und veranlasste Hitler, Göring des Hochverrates zu bezichtigen.“ Es waren seine letzten Tage am Obersalzberg, denn er wurde daraufhin verhaftet und nach Mauterndorf überstellt. Drei Monate später rauchte der junge John F. Kennedy die letzten „Zigarren aus Görings gepanzertem Wagen“. Er befand sich als Journalist auf einer Europa-Reise und besuchte auch Berchtesgaden, wie er in seinem bisher unveröffentlichten Tagebuch, das der Reporter Uwe Schmidt gelesen hat, zugab. Vielleicht hatte er auch Görings Spezial-Roadster der Marke Mercedes-Benz 540 K mit dem kugelsicheren Cabriolet gesehen, der heute ein Vermögen Wert ist und einem Sammler in den U.S.A. gehört.

Anfang Mai traf Göring in Mauterndorf ein und versuchte, wie die Ortschronik Altenmarkt i. Pg. weiter berichtet, „in diesen letzten Kriegstagen mit General Eisenhower Verbindung aufzunehmen. Am 7. Mai begab er sich mit seinem Troß auf die Fahrt nach Schloss Fischhorn. Auf der Fahrt dorthin wurde er in Altenmarkt von den Amerikanern festgenommen.“ General Dwight D. Eisenhower, der an diesem 7. Mai in Reims die Gesamtkapitulation von Afred Jodl in Empfang nahm, wurde noch am 11. Mai 1945 vom alliierten Oberkommando gewarnt, dass die Nationalsozialisten beabsichtigten, sich in den Alpen zu verschanzen. Dort sollte es nach Geheimdienstmeldungen, die vom amerikanischen Historiker William Lawrence Shirer bestätigt wurden, angeblich eine „Alpenfestung“ als Rückzugsgebiet für Wehrmacht und NS- Führung geben. Dort sollten nicht nur bombensichere Werke für die Herstellung von Waffen und Munition, Ausrüstung und Lebensmittel sorgen, sondern auch eine Untergrundarmee ausgebildet werden und stationiert sein.

Es gab in der Tat ein solches Konzept, das vom Tiroler Gauleiter Franz Hofer stammte, aber es blieb beim Mythos, durch den die Bevölkerung an eine uneinnehmbare Festung und damit an eine jederzeitige Wende im Krieg glauben sollte. Immerhin verbreitete auch die New York Times am 12. November 1944 die Meldung von der „Alpenfestung“. Und zwei Tage vor seinem Selbstmord gab Hitler tatsächlich den Befehl zu ihrem Ausbau. Auch wenn der nicht stattfand, fungierte sie als Selbstbetrug und als Propaganda. Wie die jüngsten Nachforschungen von Guido Knopp und anderen beweisen, diente sie vielen Nazi-Bonzen nicht zuletzt als Ort, um den eigenen Kopf zu retten. Natürlich fuhr Göring nicht unbeobachtet durch die Gegend, auch nicht durch Altenmarkt, denn vom Hirschberggut aus sahen nicht nur vier Arbeitsmaiden des inzwischen aufgelösten Lagers des Reichsarbeitsdienstes (RAD) beim Gschwendthofgut, sondern auch der zwölfjährige Sepp Scharfetter und die Bittersam-Buben Franz und Matthias die Kolonne mit sieben Luftwaffenfahrzeugen und Standarte plötzlich auf der Wagrainer Straße anhalten. Die Mädchen konnten sich nicht zurückhalten und schrien, wie die Ortschronik Altenmarkt i. Pg. unter Berufung auf Zeitzeugen berichtet: „Unser Hermann, schau, unser Hermann!“

Göring, so heißt es dort weiter, sei mit zwei Adjutanten ausgestiegen und auf die von Westen her anrollenden zwei Militärfahrzeuge der Amerikaner unter Leitung des texanischen Brigadegenerals Robert J. Stack zugegangen. Nach einem Gespräch mit den Offizieren „sah man Hermann Göring und seine Adjutanten in die amerikanische Militärlimousine einsteigen“. Dann seien sie abgefahren, ebenso die Fahrzeuge der Luftwaffe, jetzt gefolgt vom Jeep mit dem aufgebauten Maschinengewehr der Amis. Die Gefangennahme Görings, des designierten Nachfolgers des Führers, wie den Aussagen von Zeitzeugen in den Salzburger Nachrichten vom 9. Mai 1995 und Walter Kempowskis „Echolot“- Projekt zu entnehmen ist, wurde damit in Altenmarkt besiegelt und nicht, wie es offiziell immer wieder geheißen hat, auf Schloss Fischhorn bei Zell am See. Diese Schlussfolgerung stimmt übrigens auch mit den Tagebucheintragungen des Chefs des Generalstabs der Luftwaffe, Karl Koller, und den Recherchen von David Irving über Göring überein.

Aber nicht genug damit, denn es stellt sich auch die Frage, ob nicht auch das Ende des Dritten Reiches in Altenmarkt besiegelt worden sei. Wenn da nicht Großadmiral Karl Dönitz, die treibende Kraft der deutschen Kriegsmarine, gewesen wäre, dessen Flensburger Kabinett die Reichsregierung nach Hitlers Selbstmord am 30. April vom 2. bis 23. Mai 1945 übernommen hatte. Über das politische Testament Hitlers, in dem er Dönitz zu seinem Nachfolger als Reichspräsident erklärte, und die daraus abgeleitete Rechtmäßigkeit dieser Regierung des Deutschen Reiches streiten sich noch heute die Juristen. Dönitz beauftragte nämlich Generaloberst Alfred Jodl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes, per Funk, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen zu unterzeichnen, auch wenn Jodl nur zum „Abschluss eines Waffenstillstandsabkommens mit dem Hauptquartier des Generals Eisenhower“ bevollmächtigt war. Wie Katja Gerhartz in ihrem „Protokoll der letzten Momente“ schreibt, geschah dies am 7. Mai 1945 in der Zeit von 2 Uhr 39 bis 2 Uhr 41 in einer Berufsschule in Reims.

Ja, dieser 7. Mai hatte es in der Tat in sich! Die Ideen des März’ 1938 schienen auf Göring hereingebrochen zu sein, denn es war er, der den „Anschluss“ als persönliches und erstes großes Anliegen der Außenpolitik betrachtete, viel Energie in die Vorbereitung dieses Coup steckte und schließlich den zögernden Hitler zu einer „Totallösung“ drängte, wie auch sein Biograf Alfred Kube dokumentiert. Die Zeit des Nachkriegs hatte ohnehin schon begonnen, die auch in Dönitz’ Strategie der Teilkapitulation, die gegen die Sowjetunion gerichtet war, zum Ausdruck kam. In San Francisco fand bereits Ende April 1945 die Gründungskonferenz der Vereinten Nationen statt und in großen Teilen Deutschlands und Österreichs setzte in der Köpfen der Überlebenden eine Westorientierung ein.

 

geschrieben von Hermann Strasser aus “Die Erschaffung meiner Welt: Von der Sitzküche auf den Lehrstuhl.”
Foto: picture-alliance / KPA/TopFoto/KPA

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