„Lehrling der Zeit“ – Eine Ennspongauer Dokufiction

Ein Film? Eine Dokumentation? Fiction? Eine Zeitreise? Hier ein Kommentar von EnnsPongON über einen Film, der die Ennspongauer zum Nachdenken anregt.

 
Ein Kino im Turm in einer kleinen Stadtgemeinde mag für einen jungen Erwachsenen nicht gerade die erste Wahl sein, wenn es um gute Abendunterhaltung geht. Und doch sind bei der Premiere von „Lehrling der Zeit“ ziemlich viele junge Menschen anzutreffen. Eltern mit ihren Kindern. Großeltern mit dem Enkel. Vereinzelt auch Jugendliche. Sie alle sind gekommen, um diese regionale Produktion anzusehen. Doch warum? Weil sie davon in der Zeitung gelesen hätte, sagt eine ältere Dame. Eine junge Frau mit einem kleinen Buben an der Hand meint, sie hätte die Vorschau auf Facebook gesehen. Diese wäre interessant gewesen. Worum es in dem Film geht? Über die Nachkriegszeit, sagt ein Herr Mitte vierzig, ehe seine Frau ergänzt: „Na, um’s Kochen.“
 
Der kleine Kinosaal unter dem historischen Turmdachstuhl ist bis auf den letzten Platz besetzt. Bereits zum zweiten Mal an diesem Tag beginnt der Vorspann und lässt den Inhalt erahnen – ein Koch wagt eine Zeitreise in die Nachkriegszeit. Er will wissen, wie das Leben und vor allem der Umgang mit Lebensmitteln in dieser schwierigen Zeit war. Das Schicksal einer Pongauer Bauernfamilie wird ebenso erzählt, wie von der Not der Bevölkerung. Ältere Zuseher nicken zustimmend, jüngere wirken betroffen. Doch gelangweilt sieht keiner aus, denn die Produzenten schaffen es, mit ihrer Dokufiction, wie sie sie nennen, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu bauen. Fast vergessenes Unvergesslich zu machen. In Form von Bildern, Zeitzeugenberichten und auch Rezepten, auf einem Speichermedium verewigt.
 
Das Wesentliche dieses Films: Wie wurde damals gekocht? Wie wertvoll waren Lebensmittel? Wie war der Umgang? Vieles ist vergessen. Gerade bei der jüngeren Generation weiß kaum jemand, was man aus einer einzigen Sau alles verwerten kann. Oder wusstest du, dass nicht einmal 1% der Sau übrig bleibt? Oder was ein Stichfleisch ist? Auch das Wildern in der damaligen schwierigen Nachkriegszeit findet einen Platz. Und auch das Rezept, um das Hirschherz zuzubereiten.
 
Am Ende des Film ist man irgendwie betroffen. Interessiert lauscht man den Worten des Produzenten Rudi Pichler, der vor Ort ist und von der Entstehung des Films erzählt. Er betont, wie wichtig es ist, mit Lebensmittel in der heutigen Zeit umzugehen. In einer Zeit, in der es keine Hungersnot, keine Entbehrungen gibt. „Man soll ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Lebensmittel wegschmeisst“, meint er. Die Zuschauer nicken zustimmend. Recht hat er, der Rudi, der mit Simon Tasek etwas ganz Tolles geschaffen hat und im Anschluss an den Film frisch gebackenes Sauerteigbrot verkauft, das Zeit hatte, und nicht schnell schnell in der Backbox zubereitet wurde.
 
Eine Pongauer Dokufiction mit Zeitzeugen, großartigen schauspielerischen Leistungen – und Rezepten. Weil Zeit und Lebensmittel kostbar sind. Auch in der heutigen schnelllebigen Welt.

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